Dieter Schwab will Schlagzeilen um jeden Preis

Gäbe es einen Preis für die größte journalistische Instinktlosigkeit in diesem Jahr: Dieter Schwab hätte gute Chancen für diese Würdigung. Diesem Mann fällt nichts besseres ein, als ein wenig gegen Menschen zu hetzen und sie pauschal zu pädophilen zu machen. So heute in einem Kommentar bei den Nürnberger Nachrichten.

Der Abgeordnete [Jörg Tauss] hat – das ist unstrittig – Kinderpornos besessen und tritt nun ausgerechnet mit der Begründung aus der SPD aus, die von der Großen Koalition beschlossenen Maßnahmen gegen solche widerwärtigen Bilder im Internet verletzten die Bürgerrechte.

„Diese Maßnahmen gegen solche widerwärtigen Bilder im Internet“ – das klingt so, als sei der dokumentierte Missbrauch von Kindern endlich verboten worden und die Täter stehen demnächst alle vor Gericht. Selbstverständlich tun sie das nicht. „Netzsperren helfen nur den Tätern„, brachte es vor einiger Zeit der Chaos Computer Club auf den Punkt. Tatsächlich ist es doch so, dass hierdurch kein einziges Bild vom  Netz genommen wird, kein einziger Täter wird gestellt, kein einziges Opfer wird geschützt! Wer eine solche kinderpornografische Seite betreibt, der wird durch die Stoppschilder eher gewarnt als gestellt. Die Regierung will nichts löschen. Es wird keine einzige Anstrenung unternommen, die Daten zu löschen. Auch nicht, die Täter zu stellen. In keinem Land, in dem es diese Sperren bereits gibt, wurden Erfolge festgestellt. So sieht die Realität aus. Aber Dieter Schwab braucht diese irreführende Suggestion, damit sein Kommentar auch schön knackig wird. Das ist alles, was bei den Nürnberger Nachrichten zählt.

Auch die Piratenpartei, der es wesentlich um die Freiheit des Kopierens aus dem Internet geht, tut sich nach dieser Begründung mit der Aufnahme von Jörg Tauss keinen Gefallen. Natürlich hat der Parlamentarier als unschuldig zu gelten, bis die Justiz ihr Urteil gesprochen hat. Trotzdem umweht die Mini-Gruppierung nun der Verdacht, sie wolle auch den freien Zugang zu Kinderpornos auf irgendwelchen Servern im Ausland aufrecht erhalten.

Nun, wenn man so will, könnte man das den Piraten bereits unterstellen. Genauso übrigens wie der FDP, der Linkspartei oder maßgeblichen Teilen der SPD-Basis, die gegen das Gesetz waren. Außerdem auch Teile der Grünen, zu denen ich mich bereits geäußert habe. Und überhaupt über 134.000 Unterzeichnern einer ePetition gegen das Gesetz.

In Wahrheit sind sie es doch, die genau das fordern, was lange unterlassen wurde: Die Webseiten konsequent zu löschen und die Täter zu stellen. Daran hat die Bundesregierung kein Interesse – dazu kam immerhin bisher noch kein Vorschlag. Keine bessere Prävention, keine Anweisung an das BKA, ausländische Provider zu informieren. Nein, die Zensurgegner selbst sind es, die die Löschung der Seiten erst einfordern müssen – und sie sind erfolgreich damit! Der AK Zensur hat es geschafft, innerhalb von 12 Stunden 60 Seiten vom Netz nehmen zu lassen, die auf europäischen Sperrlisten geführt waren. Auch der Verein CareChild hat ähnliches zuvor bereits geschafft, mit 16 Seiten, die gelöscht wurden. Damit haben diese beiden Gruppierungen bereits mehr für den Kinderschutz getan, als diese Pseudo-Sperren in 10 Jahren schaffen wird.

Am Schlimmsten finde ich aber folgenden Absatz:

Aber beide, der Noch-Abgeordnete und die Partei, wollten lieber ein paar schnelle Schlagzeilen: Tauss, ehe er endgültig die politische Bühne verlassen muss und in der Bedeutungslosigkeit versinkt, und die Piraten, um sich vor der Bundestagswahl im Herbst ins Gespräch zu bringen. Das ist zwar gelungen; aber spätestens nach dem Urnengang wird man von beiden nichts mehr hören. Und das ist gut so – für die politische Kultur.

Bei Tauss kann man ihm möglicherweise beipflichten – immerhin war er 15 Jahre lang Abgeordneter und da kann man verstehen, wenn er irgendwann für sich beschließt, diesen Job aufzugeben. Die Piraten scheinen für diesen Redakteur aber noch ein absolutes Rätsel zu sein. Weder setzt er sich mit deren Zielen auseinander („blabla, Freiheit des Kopierens aus dem Internet, blabla“), noch mit dem Werdegang der Partei. Dass die Piraten hunderttausende Unterstützer haben, dass sie zum ersten Mal in ihrer Geschichte einen Anspruch auf staatliche Unterstützung haben, dass sie in Schweden zum ersten Mal einen wirklichen Wahlsieg erungen hat (immerhin ein Sitz im Europaparlament!) – alles nebensächlich. Da müsste man ja recherchieren, das könnte Arbeit bedeuten. Nein, im Gegenteil wird die Partei weiter an Zuspruch gewinnen, sie wird weiter wachsen. Nicht wegen dem kurzen Medienecho, dass Tauss‘ Beitritt bringt. Sondern wegend er Erfahrung, die Tauss mitbringt – immerhin war er 38 Jahre lang SPD-Mitglied, davon viele Jahre Abgeordneter und auch Mitglied im Vorstand eines Landesverbandes, er hatte zentrale Sprecherfunktionen in seiner Fraktion usw. Der Mann kann reden, er bringt viele Tipps und Kontakte in die Piratenpartei ein – und nebenbei, als praktischen Nebeneffekt, gibt es noch ein Medienecho. Daher wird die Piratenpartei im September nicht ins Parlament einziehen, aber sie wird in 100 Tagen die Weichen stellen für ein langfristiges politisches Handeln. Und das ist gut so – für die politische Kultur.

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10 Responses to Dieter Schwab will Schlagzeilen um jeden Preis

  1. jesse sagt:

    pflichte dir voll bei 😉

    habe vorhin den artikel von herrn schwab gelesen und gedacht mich würde ein pferd treten. solche leute nennen sich dann profis und beschweren sich, dass niemand mehr professionellen journalismus lesen wollen würde. *seufz*

  2. firewalker006 sagt:

    Sehr schön;-)
    Die naive und Böswillige Art und Weise in der Schwab seinen Artikel geschrieben hat hat mich dermaßen aufgeregt! Ich hoffe das es bei der breiten Masse auch noch ankommt das die Stoppschilder völlig kontraproduktiv sind…

  3. Michael sagt:

    Pflichte Dir ebenfalls bei! Habe bei meiner täglichen Recherche ebenfalls in den Nürnberger Nachrichten gelesen und dem guten Herrn gleich mal meine Meinung dazu zugeflüstert, obwohl es mir schon schwer viel dazu sachlich zu bleiben.

  4. […] Nochmal Jörg Tauss sceptic as hell: Jörg Tauss und die Piraten sueddeutsche.de: Piraten entern Bundestag – SPD ist Tauss los taz.de: Glaubenssache Jörg Tauss derStandard.at: Bundestagsabgeordneter Tauss aus SPD ausgetreten Golem.de: Jörg Tauss wird Pirat taz.de: Tauss entert Piraten Ein Kommentar bei heise: Zu Tauss – pro kontra – meine eigene 1 h Recherce dank des unzensierten Netzes! Nürnberger Nachrichten: Tauss will Schlagzeilen um jeden Preis – und ein Kommentar dazu: Frei aber Glücklich: Dieter Schwab will Schlagzeilen um jeden Preis […]

  5. Christian sagt:

    Hi … nur ne Anregung:

    Wenn Du nen Link auf eine solche Quelle wie die Nuernberger Nachtichten setzt … einfach den rel=’nofollow‘ Parameter hinzufuegen. Damit verhindert man, dass die kommerziell von einem besseren Google-Pagerank durch Blogverlinkung profitieren.

  6. imernst sagt:

    Selbstverständlich ist das für uns, die wir um die Hintergründe und die (wie man getrost annehmen darf) wahren Absichten wissen, ein lächerlicher Artikel. Schlimm ist jedoch, daß der Autor hier genau das tut, was die breite Masse an, pardon, Wahlvieh auch macht:

    * Sich billig polarisieren lassen: Kinderporno oder guter Mensch (der Coup ist der GröKaZ gelungen!), dazwischen geht nichts
    * Der beinahe peinlich auffällig oft bemühten Floskel des „rechtsfreien Raums“ auf den Leim gehen
    * Den beschworenen Untergang des Abendlandes aufgrund des undurchsichtigen kriminellen Molochs im Netz fürchten (steter Lobbytropfen höhlt eben immer noch den Stein, nicht wahr VJ Gorny?)

    Ich weiß nicht ob ich mir lieber auch wünschen sollte, naiv genug zu sein, um der herkömmlich veröffentlichten Meinung zu glauben, Kinderschänder lynchen und Raubkopierer nach Guantanamo schicken zu wollen.

    Aber eins ist mir inzwischen klar: Was wir hier erleben, ist der nächste Weltkrieg. Der findet nicht, wie lange Zeit irrtümlich angenommen, mit ABC-Waffen um Länder und Bodenschätze, sondern mit den Mitteln der Informationshoheit um Wissen und Denken statt. Und er hat gerade erst begonnen. Die eine Seite hat lange vorbereitet und gibt nun langsam und zögerlich die Tarnung auf, die andere Seite kann es immer noch nicht so wirklich glauben und läuft Gefahr, sich in klassischer Kriegsmanier als „Terroristen“, „Verfassungsfeinde“ und „Kriminelle Banden“ abstempeln zu lassen. Im Moment scheint das leider bei allen kleinen Erfolgen zu gelingen, denn an den Stammtischen versteht man bisher dank guter Vorarbeit des Gegner überhaupt nicht, was wir eigentlich wollen. Und wenn wir uns nicht beeilen, das zu ändern, ist es zu spät!

  7. Tobias sagt:

    Servus,

    sehr lustig, dass wir einen sehr ähnlichen Einstieg in unser Kommentar zu jenem Geschreibsel des Dieter Schwab gefunden haben.

    Ich will nicht wissen, wieviele Leserbriefe die NN heute bekommen hat, müssen tausende gewesen sein – so meine Hoffnung.

    Ich bin mal gespannt, ob Dieter Schwab antwortet, hab ihn nämlich gefragt, wie seine journalistischen Grundsätze aussehen.

    Gruß Tobias
    Kommentar:http://gedanken-in-aspik.de/?p=1623

    .. das ich dir Recht gebe, dürfte ja klar sein!

  8. […] bin nicht der Einzige, dem der "Kommentar" unangenehm aufstößt: Dieter Schwab will Schlagzeilen um jeden Preis Die Nürnberger Nachrichten veröffentlichen Kommentare um jeden Preis! […]

  9. Johnd428 sagt:

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  10. […] bin nicht der Einzige, dem der "Kommentar" unangenehm aufstößt: Dieter Schwab will Schlagzeilen um jeden Preis Die Nürnberger Nachrichten veröffentlichen Kommentare um jeden […]

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