Ist der Name der Piratenpartei wirklich ein Griff ins Klo?

Juli 4, 2009

In der öffentlichen Wahrnehmung der Piratenpartei machen sich viele über den Namen lustig. „Die würde doch keiner wählen, mit dem Namen“, „ist das eine Spaßpartei?“ Die Piraten selber haben ständig Diskussionen zu führen, ob der Name wirklich gut gewählt ist, oder ob man sich dadurch die Zukunft verbaut.

Schauen wir uns mal die Entwicklung der Piraten in den letzten Jahren an:

Die Partei wurde im September 2006 gegründet, ist also knapp drei Jahre alt. Sie haben an drei Landtagswahlen teilgenommen, davon zwei in Hessen und eine in Hamburg und haben dort Ergebnisse um die 0,3% erzielt. Bei der Europawahl 2009 haben sie satte 0,9% geholt. Zur Bundestagwahl will sie fast flächendeckend antreten. In neun von 16 Bundesländern hat sie nach eigenen Angaben bereits genug Unterstützerunterschriften sammeln können, an 6 Bundesländern (Bremen, Saarland, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern) arbeitet sie noch, in Sachsen wird sie womöglich keine Liste aufstellen können. Die Piraten haben über 3000 Mitglieder. Sie haben bis jetzt noch keinen Cent an staatlichen Geldern bekommen, können aber aufgrund des Europawahlergebnisses demnächst in den Genuss dieser Zuschüsse kommen.

Soviel zur allgemeinen Entwicklung. Nun vergleichen wir doch mal mit anderen Parteien. Ich werde hierzu einige Daten von Parteien heranziehen, die bei der Europawahl in Deutschland ähnlich viele Stimmen oder noch mehr bekommen haben (wobei ich Rechtsextreme ausblenden werde).

1. Vergleich: Die ökologisch-demokratische Partei ödp. Erreichte bei der Europawahl 0,5% Stimmen, ca. 58,8% so viel wie die Piraten. Die ödp hat ca. 6500 Mitglieder, also knapp doppelt so viel, trotzdem nur halb so viele Stimmen. Eine weitere kleine Info am Rande. Die ödp existiert bereits seit 1982, bekommt bereits seit Jahrzehnten staatliche Fördergelder und schafft dennoch bundesweite Wahlergebnisse, die weit unter den Piraten liegen.

2. Vergleich: Die Tierschutzpartei. Sie hat (laut Wikipedia) ca. 1000 Mitglieder, sie schaffte bei der Europawahl das Drittbeste Wahlergebnis aller kleinen Parteien (1,1%). Sie existiert seit 1993, ist also 16 Jahre alt, bekommt (laut Wikipedia) jährlich ca. 80.000€ vom Staat. Sie hat (laut meinen unverlässlichen Informationen) wenger Mitglieder und geringfügig mehr Stimmen bekommen (etwa 1,2x so viele).

3. Vergleich: Die Freien Wähler. Sie sind ein schwieriger Fall, weil die Freien Wähler keine Partei sind, sondern im Wesentlichen aus ganz vielen kleinen, autonomen Wählergruppen auf kommunaler Ebene bestehen. In den Kommunen sind freie Wählergruppen sehr erfolgreich. In Baden-Württemberg beispielsweise kommen 45% der Gemeinderäte aus freien Wählergruppen. Viele freie Wählergruppen schließen sich zu landesweiten Dachverbänden zusammen – die wiederum treten teilweise mit gemeinsamen Listen an, z.B. in Bayern, wo die Freien Wähler die Linkspartei abgehängt haben. Die FW zogen in den Landtag ein, die Linken nicht. Die Freien sind in ihrer Klientel sehr erfolgreich, wie man sieht. Bei der Europawahl schafften sie wiederum „nur“ 1,7%, womit sie jedoch von den „Kleinen“ die „Größte“ war. Dieses Wahlergebnis ist deutlich höher als das der Piraten.

Ich habe also drei (zugegebenermaßen willkürliche) Vergleichsobjekte herangezogen. Ich habe bei meinen Recherchen eines festgestellt: Von den Parteien und Wählergruppen in der Gewichtsklasse der Piraten ist keine so jung die die Piratenpartei.

Nun schauen wir mal, wie die Medien berichten. Ich habe hierzu keine repräsentative Studie, nur meine persönlichen Erfahrungen. Ein paar Zahlen möchte ich aber zeigen:

Gibt man bei Google News „Piratenpartei“ ein, kommen 1477 Ergebnisse in Deutscher Sprache. Ganz oben ein Artikel der „Welt online“, der auf einer Agenturmeldung der dpa basiert. Es geht um den heute stattfindenen Bundesparteitag der Piraten. Diese eine Meldung ist in über 80 anderen Blättern, die bei Google News verzeichnet sind, veröffentlicht worden (davon auch viele Käseblätter).

Gibt man bei Google News „ödp“ ein, kommen 715 Ergebnisse. Bei der ödp muss man dazu sagen, dass sie nicht wirklich oft „richtige“ Parteiarbeit macht. Dafür ist die Partei vor allem dafür bekannt, außerparlamentarisch Politik zu machen. Gerade in Bayern, wo sie am stärksten ist, nutzt sie auf kommunaler und auf landesweiter Ebene die Möglichkeit, mit Volksbegehren und auf dem Rechtsweg Politik zu machen. Im Moment fällt sie dadurch auf, dass sie ein Volksbegehren für ein strengeres Rauchverbot in Bayern anstrengt. Das und einige Meldungen auf kommunaler Ebene dominiert aktuell die Berichterstattung über die ödp. In dieser Funktion ist sie übrigens auch ganz erfolgreich, muss man fairerweise sagen.

Gibt man bei Google News „Tierschutzpartei“ ein, kommen 146 Ergebnisse. Die meisten Nachrichten fassen allerdings das Europawahlergebnis zusammen, wo sie in einem Atemzug mit den Piraten genannt werden. In einigen News steht sogar der Name „Piratenpartei“ im Titel.

Gibt man bei Google News „Freie Wähler“ ein, kommen 11.766 Ergebnisse. Viel Medieninteresse kommt auch von Gabriele Pauli, ehemaliges Mitglied im CSU-Vorstand und ehemalige Kandidaten auf den Chefposten der CSU. Sie ist vor allem in Bayern eine kleine Berühmtheit, hat dort viele Anhänger und wurde unter anderem bei der Landtags- und Europawahl von den Freien Wählern gehypet (sie war Spitzenkandidatin). Jetzt fällt sie auf, weil sie die Freien Wähler verlassen hat und eine eigene Partei, die „Freie Union“ gegründet hat.

Was bei der Piratenpartei, im Gegensatz zu anderen Parteien, auffällt: Es gibt irre viele Medienberichte, die nur dafür da sind, die Piratenpartei vorzustellen. Einige positive, auch etliche negative Berichte, keine Frage. Heute habe ich in der WAZ einen halbseitigen Artikel über die Piraten gefunden. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat die Piratenpartei mehrmals aufgegriffen (schon mehrere Berichte über die Partei, sie war einmal bereits in einer Talkshow eingeladen). Sie ist die einzige nicht im Bundestag vertretene Partei, die bei StudiVZ/MeinVZ ein offizielles Parteiprofil hat.

Außerdem möchte ich darauf hinweisen, dass ich bei der Europawahl als Wahlhelfer häufiger das Wort „Piraten“ gehört habe als das Wort „CDU“ oder „SPD“ oder gar „ödp“.

Fazit:

Klar, der Name verwundert und bietet Stoff für Kontroversen. Aber genau das ist es, was die Piraten berühmt gemacht hat und ihnen die Wahlerfolge beschert. Die Piraten werden von der Öffentlichkeit noch sehr wenig wahrgenommen – das ist das Schicksal vieler kleiner Parteien. Die Piraten aber schaffen es in die Medien und werden durch sie noch bekannter. Möglicherweise wird sie niemals irgendwo eine Regierung stellen. Aber die Piraten werden in kürzester Zeit mehr Wahlerfolge schaffen, als die meisten anderen „Kleinen“ in einer vergleichbaren Zeit. Ich halte es für realistisch, dass sie schon bald die Freien Wähler, die Tierschutzpartei und auch etliche Rechtsextreme Parteien (wie die NPD, die ja teilweise mehrere Prozent bekommt) abhängen werden.

Ich bin der festen Überzeugung: Hätte die Partei einen anderen Namen, hätte sie nichtmal halb so viele Mitglieder und nicht halb so viele Stimmen. Der Name hat der Partei das gebracht, was den meistne kleinen Parteien fehlt: Mediale Aufmerksamkeit.

Advertisements

SPD: Mit Volldampf in die Große Koalition

Juni 14, 2009

Der Bundesparteitag der SPD ist gerade zu Ende gegangen und das Signal ist deutlich: die SPD will Schwarz/Gelb verhindern, die SPD schließt die Zusammenarbeit mit den Linken aus. Was bleibt da noch? Drei Möglichkeiten:

1. Die Ampel: Rot/Gelb/Grün. Unklar ist hier, wie diese Drei einen wirtschaftspolitischen Kompromiss finden wollen, die FDP steht gegen so ziemlich alles, was SPD und Grüne vereint. Atomausstieg, Umstieg auf erneuerbare Energien, Mindestlöhne, Umverteilung durch Steuerpolitik. Optimistisch sehe ich dagegen die Bürgerrechtspolitik, die hier wohl die besten Chancen hätte. Dass weder die FDP noch die Grünen sich in dieser Hinsicht bisher durchsetzen konnten ist in den Koalitionen der vergangenen Jahre auf Bundes- und Länderebene klar geworden. Gemeinsam könnten die beiden jedoch hier einen wichtigen Impuls geben – immerhin könnten die beiden Parteien gemeinsam mehr Stimmen als die SPD erhalten. Insgesamt bockt hier jedoch die FDP – eine eher unrealistische Variante.

2. Die Koalition ohne Namen: Schwarz/Grün. Hat sich jemand schonmal eine gute Bezeichnung überlegt? Dieses wäre jedenfalls abhängig vom Wahlergebnis und nur dann realistisch, wenn die Grünen die FDP abhängen und Schwarz/Gelb nicht möglich ist, dafür aber Schwarz/Grün. Mir ist allerdings auch schleierhaft, was die Grünen mit der CDU anfangen wollen – es sei denn, sie verabschieden sich von ihren inhaltlichen Positionen. Umweltpolitik, Bildungspolitik, Bürgerrechts- und Innenpolitik, Steuer- und Finanzpolitik – enorme Spannungsfelder. Hier könnten die Grünen höchstens gemeinsam mit der FDP genug Druck ausüben, um innen- und bürgerrechtspolitisch Veränderungen bei der CDU zu bewirken. Aber halt, das wäre ja die Jamaica-Konstellation. Das ist eine Variante von Schwarz/Gelb – außerdem wollen die Grünen das nicht. Ist also auch unwahrscheinlich.

3. Die Große Koalition: Schwarz/Rot, wie bisher. Wobei das Wort „groß“ schon länger nicht mehr passt. Darauf scheint die SPD hin zu arbeiten. Wie gut die beiden zusammen arbeiten, haben die letzten vier Jahre gezeigt. Ehrlich, die Konflikte, die heraufbeschworen wurden, habe ich nicht gesehen. Die SPD passt besser zur CDU als zu den Grünen. Es hat auch einen guten Grund, weshalb es so viele große Koalitionen auf Landesebene gibt. Ich halte das, wenn es für Schwarz/Gelb nicht reichen sollte, für die wahrscheinlichste Variante. Wieso?

Die SPD stützt sich immer wieder auf die Erfolge der CDU, insbesondere die von Ursula von der Leyen, neuerdings auch gerne Zensursula von der Laien genannt. Zum guten Image der Familienministerin hat die SPD auf dem Parteitag gesagt, dass die von der Leyen sozialdemokratische Inhalte vertreten „muss“ und gab all das, was die von der Leyen in letzter Zeit ausgezeichnet hat, als SPD-Erfolg aus. Ich möchte gar nicht bewerten, wer jetzt diese Inhalte durchgesetzt hat. Es geht darum, dass die SPD mit einer CDU-Ministerin wirbt. Tatsächlich hat die SPD sich nicht darum bemüht, das Thema durch SPD-Leute bekannt zu machen. Die SPD hat nichtmal einen familienpolitischen Fachsprecher. Und die Vorstizende des Familienausschusses? Kerstin Griese, SPD, kennt kein Schwein.
Und um bei Zensursula zu bleiben: Beim Thema Internetzensur ist die SPD voll auf den Zug aufgesprungen. Es gab zwar einen Initiativantrag gegen das Zensursula-Gesetz beim Bundesparteitag. Aber plötzlich lehnt der SPD-Vorstand den Antrag ab, so scheint es. Jedenfalls wurde der Antrag so ziemlich unter den Teppich gekehrt, bloß keine Konfrontation. Das Kompromissbestreben des Vorstandes zielt auf kosmetische Änderungen ab.
Die SPD lehnt die Konfrontation mit der CDU ab. Auch bezeichnend: Die SPD hat keinen einzigen Programmpunkt zur Bürgerrechtspolitik. Keinen einzigen. Das wäre jedenfalls eine mögliche Diskussionsgrundlage für Verhandlungen mit FDP und Grünen gewesen. Aber bei der CDU kommt das nicht gut an. Ansonsten allerhand Flickenteppich, der keine wirkliche Änderung herbeiführen will, sondern eher das Bestehende marginal korrigieren soll. Also: Den Weg der letzten Jahre fortsetzen. Große Koalition. Verlängerung der Altersteilzeit, Anhebung des Schonvermögens bei Hartz4-Empfängern, mehr Kinderbetreuung, Verringerung von CO2-Emissionen, mehr Investition in Forschung – alles Punkte, mit denen man sich nicht wirklich von der CDU abgrenzen kann, die man teilweise verwerfen kann, ohne dass es jemandem auffällt. Ansonsten: Mindestlöhne? Die Forderung haben die in die aktuelle Große Koalition schon mit hereingenommen, hat nix gebracht. Mit der FDP auch nicht zu machen. Abschaffung der Wehrpflicht, Volksentscheide auf Bundesebene: Wird so oder so an der CDU scheitern, da hier eine Grundgesetzänderung nötig ist. Und noch mehr Blablabla.

Beim Zensursula-Gesetz hätte die SPD sich nochmal symbolisch von der CDU absetzen können. Ein Thema, das die CDU für sich gebucht hat und das heiß umstritten ist. Will sie nicht. Offenheit für mehr Linke Politik? Nein, das könnte als „Linksruck“, als „Anbiederung zur Linkspartei“ gesehen werden, das sieht die CDU nicht gerne. Ich sehe die SPD schon als Juniorpartner der CDU. Merkel als Kanzlerin, Steinmeier als Außenminister und Vizekanzler. Vielleicht sucht sich Steinmeier auch ein anderes Pöstchen in der nächsten Regierung, er hat sich ja jetzt kämpferisch versucht. CDU bei 33%, SPD bei 22% – so wird das aussehen und man kann nur hoffen, dass die 2/3-Mehrheit der Großen Koalition gebrochen wird. Traurig, SPD. Was haltet ihr eigentlich von Fusion? Das würde eindeutig Wahlkampfkosten sparen!